China
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Der Li Fluss: So ist Chinas schönste Landschaft

Für Chinesen sind die Karstberge rund um den Li Fluss DER Inbegriff der schönen Landschaft. Die mussten wir unbedingt angucken. Klar, mit einer organisierten Tour mit Bus und Boot, die wird empfohlen, die wird angeboten und ist leicht buchbar. Also ergaben wir uns und ließen uns vom Bus mit aufpreispflichtigem englischsprachigem Guide abholen.

„Hallo, ich heiße Daniel. Und das hier neben mir ist der Fahrer, ihr könnt ihn Seafood nennen, so spricht man seinen Namen aus, gut zu merken, haha.“ Er kam in Fahrt: „Wir fahren mit dem Boot nach Yangshuo, das ist einer der beliebtesten Orte in ganz China. Ratet, wie viele Besucher jedes Jahr dorthin kommen?“ “ 1 Million?“ “ Neeeeeein, mehr! “ „3 Million? “ “ Neeeiinnn neiiin, vieeeeel meehr! Es sind 17 Millionen! Sieebzehn MILLIONEN! So beliebt ist Yangshuo! Aber wir haben Glück, es ist Nebensaison! “

Team Paaandaaa!

Und dann begann er, den optionalen Nachmittag zu erklären, der nicht im Tourpreis von 400 Yuan enthalten war: „Wer möchte, wir machen einen Ausflug 30 Kilometer von Yangzhou entfernt. Dort ist die Landschaft soooo schön! Kennt ihr den Bildschirmhintergrund aus Windows XP? Ja?! Der wurde dort aufgenommen! Ich bringe Euch zur Windows-XP Aussicht an die alte Steinbrücke!“ Er lief durch den Bus und zeigte das Windows-Bild auf seinem Iphone. „Der Blick von der berühmten Stein- Brücke, sooo toll. Und dort fahrt ihr mit einem Floß, gemütlich über den kleinen Fluss. Und das Wasser, sooo klar, so klar, ihr könnt hindurch gucken bis zum Boden! Und heute ist schönes Wetter, wenn ihr während der Fahrt einen Fuß ins Wasser haltet, aaaahhhh, wie Massage, soooo schöööööön! “ Der Ton in Daniels Stimme versprach dem ganzen Bus einen Orgasmus.

Am Bootsanleger bekamen wir alle einen Aufkleber mit Panda auf die Jacke. Daniel hob die Fahne mit dem Panda in die Luft: „Ihr seid jetzt mein Team Panda, Team Pandaah, alle daaa?! Dann hier lang, hier lang mein Team Panda! “ Wir schlängelten uns als Gruppe durch Massen anderer Gruppen, vorbei an Unmengen von Booten die in am Pier lagen. Das beliebte chinesische Ausflugsziel zur Nebensaison also.

Ein Boot nach dem anderen fuhr los. Wie Perlen aufgereiht an einer Schnur schlängelten sie sich die den Fluss entlang. Vor und hinter uns sahen wir nur Boote. Es mussten duzende, nein hunderte gewesen sein.

am Li Fluss

kleine Floße auf dem Li River

Aber die Landschaft hielt ihr Versprechen: Zwischen Sonne und Nebel ragten die Karstberge neben dem Fluss empor. Wir mit unserem Schiff wirkten winzig in der ganzen Szenerie. Auf der Flussschifffahrt gab es viel zu sehen, und unser Guide sorgte sich rührend darum, dass niemand ein Highlight verpassen konnte. Engagiert spurtete er von Deck zu Deck: „Alle aufpassen, in 30 Sekunden kommt der Mond-Felsen… Achtung, nur noch 15 Sekunden bis zum Ziegenfelsen… Alle die die 20-Yuan-Schein-Sicht sehen wollen bitte JETZT aufs Oberdeck, wir sind in 40 Sekunden da! “

der Ziegenfelsen

Die 20 Yuan-Sicht

Wir sahen alles. Nebenbei genossen wir die 4 Stunden an Deck in der Sonne mit Sicht auf die Karstberge. Plötzlich tauchte Daniel bei uns auf: Alle hätten schon zugesagt, die Nachmittagstour für 200 Yuan zu machen, nur wir würden noch fehlen. Puuh, eigentlich hatten wir nicht geplant, zu einer schon nicht preiswerten Tour einen weiteren Baustein zuzukaufen. „Das solltet ihr Euch nicht entgehen lassen, es ist so ein schöner Tag, genießt ihn doch! Es ist so schön dort, und diese Landschaft seht ihr nirgendwo sonst auf der Welt!“ Er war ein guter Verkäufer und es war der erste sonnige Tag seit langem, warum nicht inmitten der tollen Landschaft auf einem Floß über den kristallklaren Flüsschen fahren?! Er hatte uns. „Alles klar, wir treffen uns um 14:30h in Yangshuo vor dem KFC, dort wartet der Bus!“

Landschaft am Fluss

Yangshuo war der versprochene 17-Millionen-chinesische-Besucher-im-Jahr-Ort: Shopping? Hier gab es alle Läden, die man aus anderen  Problem. Lust auf Mc Donalds? das war der Treffpunkt der jungen Leute. Auf dem Markt in Kontakt mit den Einheimischen kommen? „Hello – want clean shoes?“ „Hello – Buy souvenir? “ „Hello – beautiful silk? “ Kurz: Die Hölle des chinesischen Tourismus.

Pünktlich zog Team Panda los in den Nachmittag. Daniel zeigte uns in einem Dorf alte Lehmhäuser, damals habe man die Wände aus Lehm gebaut und trocknen lassen, das habe ewig gedauert. Heute würden nur vereinzelt noch alte Leute in diesen Häusern wohnen, die jungen Menschen zögen moderne Wohnungen vor.

Alte Häuser und Türen

Und dann kamen wir an die alte Steinbrücke, die Windows-XP-Sicht mit den klaren Wasser, den Reisfeldern und den Karstbergen. Wir sehnten uns nach der versprochenen Idylle am ersten sonnigen Tag seit Wochen. Doch wir erkannten sofort: Das war eine Falle! Unser Guide hatte uns zum überzogenen Preis in eine eigens für den Massentourismus hingestampfte Attraktion gebracht. Wir saßen fest, inmitten hunderter, wenn nicht tausender Chinesen, die hier ebenfalls hingekarrt worden waren. Es war einfach nur voll voll voll. Und auch der kleine Fluss war voller Flöße die wiederum voll mit Touristen waren. Am Ufer und auf der Brücke konnte man nicht treten. Da waren wir nach über sieben Monaten Weltreise und unzähligen vermiedenen Touristen-Nepps, so richtig reingefallen!

Die Windows XP-Sicht

Was blieb uns übrig? Wir stiegen auf ein Bambusfloß, und bekamen schnell nasse Schuhe. Wie im Autoskooter stießen wir auf der Fahrt gegen andere Flöße. Wasserbüffel wurden am Ufer für die Touristen zum Füttern aufgestellt, Braupaare ließen sich fotografieren, ein Mann zeigte wie er „fischte“ indem er einem Kormoran den gefangenen Fisch aus dem Hals drückte. So ließen wir den Troubel über uns ergehen, hielten die Füße ins Wasser und dachten an Windows XP.

Die Steinbrücke vom Floß aus

Ein paar Tage später hatten wir den Massentourismus-Schock besser verdaut. Rückblickend war die Fahrt auf dem Li River ein echtes Highlight, der Innbegriff der schönen Landschaft eben. Und wir hatten gelernt: Wenn dir in China ein sympathischer Guide eine tolle Tour verkaufen will: Vorsicht, es könnte das chinesische Modell des Massentourismus sein!

Fotoshooting

vorsichtig reicht er dem Wasserbüffel das Gras

Floß von oben

 

Kategorie: China

von

Ich mag es zu reisen und zu fotografieren. Auf meiner Weltreise und vielen anderen Reisen habe ich einiges erlebt. Darüber schreibe ich in diesem Blog. Mehr über mich findet Ihr unter Über uns und in meinem Google+ Profil.

3 Kommentare

  1. Hallo,
    schöner Bericht. Habe die Fahrt vor einigen Jahren auch gemacht (jedoch bei Nieselregen). Die Landschaft ist traumhaft. Dann aber in Yangshou übernachtet und am nächsten Tag mit dem Fahrrad an anderen Flüssen entlanggefahren und auf dem Floss unterwegs gewesen. Das war das Highlight. Hatten aber nicht so viele Menschen wie ich bei dir auf den Bildern sehen konnte.

    Lg
    Thomas

    • Tobias sagt

      Hallo Thomas,

      Das mit der Übernachtung wäre eine wirkliche Option gewesen, leider haben wir zu spät davon erfahren. Ich habe auch gesehen, dass es in Yangshou Tandems zu mieten gibt, wäre bestimmt ein großer Spaß geworden :)

      Wir waren glaube zur Stoßzeit an den Flößen, da war es entsprechend wuselig. Aber auch ein Erlebnis, wie in China mit großen Besucherströmen umgegangen wird.

      lg, Tobias

  2. Eva Lu sagt

    Ich bin gerade über den Bericht gestolpert und bin begeistert, wie klein die Welt ist – ich glaube, wir hatten im Jahr 2012 den gleichen Guide! Wir waren auch Team Panda und Daniel wiederholte immer gern „stick to me like white on rice“. ;)
    Wir haben es auch als extreme Touri-Attraktion erlebt, aber so voll war es nicht (und die Landschaft ist ja wirklich traumhaft schön).
    Liebe Grüße

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