Reise-Know-How
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Wie es war, den Traum zu leben

Wie war es denn nun?! Diese Frage wurde mir oft gestellt. Denn im letzten Sommer bin ich auf Weltreise gegangen. Jetzt bin ich schon einige Monate zurück in Deutschland und fasse zusammen, was die große Reise in mir ausgelöst hat.

Fanta am StrandIch bin zwar kein anderer geworden, habe aber anders gelebt. Den Kopf plötzlich voller Möglichkeiten, manchmal überfordert vom Andersartigen und trotzdem voller Freude über die neuen Eindrücke und Erlebnisse. Ich habe meinen Traum der Weltreise gelebt und dabei hat sich viel in mir bewegt.

 

Zurück in meiner vertrauten Welt

Das Zurückkommen nach 8 Monaten war komisch. Berlin hatte sich nicht verändert, schon eine halbe Stunde nach der Landung fühlte ich mich, als sei ich nie weggewesen.

Mein persönliches Highlight war, als eine Kassiererin in der Lebensmittelabteilung von Karstadt mich wiedererkannte und diesen skurrilen Dialog mit mir führte:

„Ach, wieder da?! Dachte schon Sie seien umgezogen weil Se nicht mehr gekommen sind!“

„Nein, war auf Weltreise.“

„Ah, auf Reise, na hoffentlich warn se nich JWD*!“

„Nee, noch weiter, noch hinter JWD!“

„Ach na das wär ja nichts für mich, also so im Wald so weit weg von allem. Aber es ist wichtig, dass man da noch die Vögel hört. Das is schön“

„Ja, Vögel haben wir auch gehört, die waren richtig laut, wenn Papageien einen morgens um 5 aufwecken schläft keiner mehr weiter!“ *Augenzwinkern*

„Ach ja, schön wenn es Vögel gibt. Das ist Natur, wa?!“

 

Schön, dass ich wieder da war. Beim Einkaufen erkannt, Freunde und Familie wiedergesehen, konnte ich mein altes Leben in Berlin wieder aufnehmen. Dabei durchlief ich verschiedene Phasen:

  1. Das Vertraute wiederhaben: Endlich wieder im eigenen Bett schlafen, eine gewohnte Umgebung, alte Freunde und die Familie um sich. Dinge sind vertraut und funktionieren einfach, das habe ich genossen.
  2. Nostalgie: Die schönsten Momente der Reise kehren immer wieder in die Erinnerung und die Erinnerung wird dabei immer schöner und romantischer.
  3. Der Alltag: Der kommt schleichend und sicher. Der Abschied vom Reiseleben ist eine innere Überwindung. Immer wieder merke ich subtile Sehnsucht und was die Weltreise in mir bewegt hat.

 

Das Fremde und viele Länder haben ein Gesicht bekommen

Das Fremde ist nicht mehr fremd, es ist nur ein anderer Teil der Welt geworden, den ich irgendwann einmal besuchen kann oder sogar schon gesehen habe. Länder haben ein Gesicht bekommen, wie das ambivalente Vietnam, das arme Laos, das buddhistische und das touristische Thailand, das abgelegene Neuseeland und das weite Australien. China und Taiwan sind für mich unterscheidbar geworden (grob: In Taiwan ist man gelassener und herzlicher, in China ist man prestige- und konsumorientierter). Meine persönlichen Foto-Souvenirs: In jedem Land habe ich eigene Muster entdeckt.

Ich habe die Gelassenheit, Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit von Menschen kennengelernt. Ich habe gelernt, aufzupassen und im richtigen Moment Dinge lieber nicht zu glauben. Kenne Floskeln von asiatischen Verkäufern (z.B. „for good luck“ = zu teuer) oder die Gasgrills in Neuseeland (und Fachsimpeln beim Grillen mit Kiwis über Lamm und Lachs).

Verschiedene Länder, Kulturen und Lebensweisen kennenzulernen machte meinen Kopf merklich offener und neugieriger. Hoffentlich kann ich mir das bewahren.

 

Aufgerüttelt: Eine Weltreise ist dekonstruktiv

Das Verlassen meiner gewohnten Welt hat mich aufgerüttelt und in ungewohntes Terrain geführt, raus aus meiner Komfortzone. Ich habe gespürt, was es bedeutet mich in großen Massen zu bewegen, wie es ist kein fließend Wasser zu haben, habe Armut gesehen, mich mit einfachen Transportmitteln bewegen müssen, habe nicht begreifbaren Luxus in Dubai und Asien gesehen oder von Ungerechtigkeiten in Australien gehört (dehydrierte Rentner die keine Klimaanlage bezahlen können). Ich habe gesehen, wie Laoten mit einer Schleuder Vögel vom Baum geschossen haben, weil sie wenig zu essen hatten. Ich war zu Besuch im 14. Stock eines Wohnsilos in Shanghai.

Alles neu für mich, alles musste ich erst annehmen, durchleben und begreifen. Das Ungewohnte weitete meine Komfortzone aus. Good to know.

Noch ein Effekt: Auf der Reise merkte ich, wie ich mit wenig auskomme. Alles was ich brauchte, trug ich auf dem Rücken, und auch das war noch zu viel. Das erste Mal in meinem Leben hatte ich keine Lust, mir etwas zu kaufen. Ich habe meine gewohnte Welt komplett verlassen und ganz neue Erfahrungen machen können und verarbeiten müssen.

 

Ich habe meinen Traum gelebt. Dabei bin ich vielleicht kein anderer geworden, habe aber viel mitgebracht von der Reise. Vor allem neue Sichtweisen, Erfahrungen und Bilder. Was für ein Glück, dass ich die kleine Weltreise machen konnte.

 

 

Warst du schon mal lange von zu Hause weg? Wie hast du dich danach gefühlt?

 

 

*JWD: Janz weit draußen (berlinerisch)

 

 

11 Kommentare

  1. Nadja sagt

    Eine Kassiererin erinnert sich an Dich und spricht Dich an? Toll. Das würde einem hier in München nie passieren. Aber ich find ja eh, dass die hier total verschlossen und witzlos sind. Als ich das aber neulich eine Freundin (die Münchnerin ist) erzählt habe, hat die das gar nicht verstanden. Aber hier: Deine Geschichte ist der Beweis. Von wegen, Stadt mit Herz …

    • Tobias sagt

      Ja, die Kassiererin war ein Herzchen. Ist aber auch eher die Ausnahme hier und funktioniert nur in der Nachbarschaft. Ansonsten ist Berlin genauso Großstadt wie München.

  2. Hi Tobias, sehr schön geschrieben! Was mich noch interessiert und wovor ich zugegebenermaßen selbst etwas Angst oder Sorge habe, ist die Frage, wie es nach der Reise weitergeht. Kann man wieder tagtäglich dieses 9 to 5-Ding machen oder dreht man dann durch?

    • Tobias sagt

      Hi Ute, danke! Hab keine Sorge – das wird sich finden. Das Zurückkommen verlief insgesamt in Phasen und die erste Phase habe ich verschwiegen, denn die beginnt schon während der Reise: Da habe ich immer wieder so Dinge wie „willst du so leben (wie hier/dieser Mensch / nach diesen Werten usw.)?“ gedacht. Und man merkt (mehr oder weniger) für sich was einem wichtig ist. Das hilft bei Entscheidungen nach der Reise. Für mich war z.B. klar, dass ich nach der Reise zurück nach Berlin wollte.

      Was auch hilft bei der Reintegration in den Alltag sind Rahmen und Rolle. Irgendwie funktioniert man anders als unterwegs.

      Aber ja, die Versuchung durchzudrehen bei 9-5 gibt es. Gab es aber auch schon vorher ;)

  3. Andrea sagt

    Ganz toll geschrieben! Hatte selbst schon eine mehrmonatige Auszeit in Australien und nun steht meine nächste bevor: Zentral- und Südamerika :) Meinen Job habe ich gekündigt und Ende Januar/Anfang Februar geht es endlich los. Freue mich tierisch! Dein Blog hat nun gerade meine Vorfreude gestärkt. Mein Fernweh wird wohl nie ganz gestillt sein aber immerhin kann ich es von Zeit zu Zeit etwas lindern ;)

    Liebe Grüsse aus der Schweiz

    • Tobias sagt

      Cool, das Gefühl dass was großartiges kommt, es aber noch nicht wahr ist – genieße die Vorfreude!

  4. War zwar nicht so lange weg, aber immerhin mal für 2monate komplett draußen aus dem Alltag (in Australien, blog: http://AustralianTravelTrip.com). Habe meinen Job allerdings nicht gekündigt, so dass ich wieder von 0 auf 300 nach meiner Rückkehr eingestiegen bin. Hatte also keine wirkliche Zeit die Erlebnisse zu verarbeiten, so langsam merke ich aber wie alles anfängt zu wirken und versuche etwas Klarheit in meine Zukunftswünsche und Pläne zu bringen. Finde es daher sehr interessant hier über deine Erfahrungen zu lesen!

    • Tobias sagt

      Danke :) Ja bei mir hat es auch mit einer Reise nach Australien angefangen :) Doch du hast bvöllig Recht, man muss nicht kündigen, es gibt auch eine Reihe andere Optionen Und das eigentlich wichtige ist, was eine Reise oder ein Erlebnis mit einem macht.

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